Afghanistan: Umweltschutz – ein Weg aus der Krise?

Afghanistan: Umweltschutz – ein Weg aus der Krise?

Krise, Kämpfe, Krise — seit über 30 Jahren bestimmen Instabilität, Chaos und Konflikte den Alltag in weiten Teilen Afghanistans. Auch die jüngsten Bemühungen des internationalen Militärbündnisses ISAF konnten daran wenig ändern: Noch immer kommt es im ganzen Land zu Spannungen und Gewalt zwischen verschiedenen Gruppen — oftmals spielen dabei natürliche Ressourcen wie Wasser und Weideland eine zentrale Rolle. Denn neben den sozialen und wirtschaftlichen Folgen verursachten die Kriege gigantische Umweltschäden, die das Leben der Bevölkerung bis heute erschweren. Doch es gibt auch Lichtblicke.

Umweltzerstörung gefährdet Agrargesellschaft

Ob fruchtbare Böden als Acker- und Weideland oder Wälder zur Gewinnung von Energie und Baumaterial — als Agrargesellschaft ist Afghanistan in hohem Maße auf eine intakte Umwelt angewiesen: Fast 80 Prozent der Afghanen leben in ländlichen Regionen, über 60 Prozent der Bevölkerung bestreitet ihren Lebensunterhalt im Agrarsektor.

Doch mit den Gefechten kam auch die Zerstörung: Neben den direkten Schäden durch die Kämpfe führten ebenso die indirekten Folgen der Gewalt dazu, dass große Teile der natürlichen Ressourcenbasis Afghanistans verschwanden: So rodete die Bevölkerung unter anderem mehr als 50 Prozent der natürlichen Pistazienwälder, um an Brennholz zu gelangen oder über den Verkauf des Holzes ein Einkommen zu erwirtschaften — mit gravierenden Folgen für Mensch und Umwelt. Waren in der Vergangenheit noch circa fünf Prozent der gesamten Fläche Afghanistans mit Wäldern bedeckt, sind es heute nur noch zwei Prozent.

Triebfeder dieser rasanten Entwicklung war die Unsicherheit innerhalb der Bevölkerung. Sie befürchtete zum einen, dass die Gebiete durch die Gefechte zukünftig nicht mehr passierbar sein werden. Zum anderen nutzten Viehzüchter, die durch den Einsatz von Landminen gezwungen waren, frühere Weideplätze aufzugeben, die nachwachsenden Bäume als Futtermittel für ihre Tiere.

Eine Folge: Die Waldrodungen förderten Bodenerosionen, die sich sowohl negativ auf die Gewässer als auch auf die Landwirtschaft auswirken. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die unkontrollierte Förderung und Nutzung von Wasserquellen: Über die Hälfte der Bewässerungssysteme wurden durch die Kriege zerstört. In vielen Fällen bohrten die Einwohner daraufhin neue Brunnen, ohne die langfristigen Folgen für die Umwelt zu beachten.

Im Zusammenspiel mit den für Afghanistan typischen Dürren und den geringen Waldbeständen als Erosionsschutz sind viele Feuchtgebiete mittlerweile vollständig ausgetrocknet — und bieten weder Lebensraum für Wildtiere noch wirtschaftlich nutzbare Anbauflächen. Zahlreiche Gruppen verloren ihre Lebensgrundlage und mussten ihre Heimat verlassen, während es in anderen Landesteilen zu Kämpfen um die knappen Güter kam.

Städte unter Druck

Auf der Suche nach einem besseren Leben flohen viele Menschen in die nächste Stadt und stellten diese vor neue Herausforderungen: Infolge unkontrollierter Mülldeponien, Chemikalien und der unsachgemäßen Entsorgung von Abwässern sind viele Gewässer Afghanistans bereits stark belastet. Die neuen Stadtbewohner erhöhen den Druck auf die öffentliche Infrastruktur weiter, die oftmals schon während der Kämpfe zerstört wurde oder ohnehin über zu geringe Kapazitäten verfügt, um den Bedarf zu decken. Neben dem Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung steigt dadurch auch die Umweltbelastung.

Auch an der Tier- und Pflanzenwelt gingen die Kriege nicht spurlos vorbei. Ein Beispiel: Nach Schätzungen verfügte Afghanistan über die weltweit höchste natürlich vorkommende Varietät an Weizensorten. Infolge der Gefechte wurden viele der bereits kultivierten Sorten zerstört — zahlreiche „wilde“ Sorten, die in Samenbanken lagerten, gingen für immer verloren.

Natürliche Regeneration ausgeschlossen

Eine natürliche Regeneration der Umwelt in Afghanistan gilt als ausgeschlossen. So begann bereits vor dem Ende der Hauptkampfhandlungen ein Team aus afghanischen und internationalen Wissenschaftlern in Kooperation mit verschiedenen NGOs und der afghanischen Bevölkerung damit, den Zustand der Umwelt Afghanistans genauer zu untersuchen. Mittels Satellitenbildern, Ortsbegehungen sowie Luft-, Wasser- und Bodenproben erfassten sie die Folgen für Mensch und Umwelt und erarbeiteten Maßnahmen, um die Umwelt zu schützen, Ressourcen nachhaltig zu nutzen und die wirtschaftlichen Chancen zu verbessern.

Umweltschutz als Fundament einer nachhaltigen Entwicklung?

Dazu wurden unter anderem zehntausende Bäume gepflanzt, neue Bewässerungskanäle sowie Obst- und Gemüseplantagen angelegt. In Workshops wurde den Teilnehmern eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen vermittelt und neue Kooperationen geknüpft. Darüber hinaus wurden tausende Gemeinde- und Regierungsangestellte, Berater und Lehrer zu den Themen Landschaftsbau, Forstwirtschaft, Boden- und Gewässerschutz sowie im Bereich Umweltmanagement geschult. Auch in den Schulen stand das Thema Umweltbildung auf dem Stundenplan.

Um den Bedarf an Holz für die Energieerzeugung zu senken und die Lebensqualität der Einwohner zu erhöhen, wurden in mehreren Pilot-Projekten Solarpanels installiert, mit deren Hilfe Haushalte mit Sonnenstrom versorgt werden können.

Mit der Gründung des ersten afghanischen Nationalparks um die Band-e-Amir-Seenkette wurde der Grundstein für einen (ökologischen) Tourismus als neuer Wirtschaftszweig gelegt. Und auch über die Staatsgrenzen hinaus, gibt es bereits Initiativen mit Pakistan, China und Tadschikistan, um grenzüberschreitende Schutzgebiete im Nordosten Afghanistans gelegenen Pamir-Gebirge zu gründen.

Keine nachhaltige Entwicklung ohne Frieden

Doch: Auch wenn sich die Umwelt langsam erholt und es erste Lichtblicke für die Zukunft Afghanistans gibt, braucht eine nachhaltige Entwicklung vor allem eines: Frieden. Ob dieser mit dem Abzug der ISAF-Truppen näher oder in weite Ferne rückt, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen.